BDB Baden-Württemberg e.V.
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Die Stuttgarter Baumeister-Erklärung

Plädoyer für eine ganzheitlich angelegte Philosophie des Bauens

Präambel

Der Baumeister – und damit ist im gesamten Text natürlich auch gemeint die Baumeisterin: die Architektin, Ingenieurin, Handwerksmeisterin – spielt eine wichtige Rolle in der Baukultur unserer Zeit, weil er die Gabe der ganzheitlichen Betrachtung hat.

Im Entwicklungsprozess des Bauens hat sich vieles auseinander entwickelt, was einmal eine Einheit war. Das geschah geradezu zwangsläufig, da die entstehende Massengesellschaft Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung arbeitsteilig gestaltet hat, und das mittlerweile weltweit, globalisiert.

Vor diesem Hintergrund ist eine ganzheitliche Betrachtung die einzig richtige Antwort auf die nur scheinbar „neuen“ Notwendigkeiten wie
• nachhaltiges Planen und Bauen
• Schonung von Ressourcen
• Sicherung von Naturräumen

Für diese umfassenden Herausforderungen können die zahlreichen Experten mit überwiegend hochspezialisiertem Wissen nicht die adäquaten Lösungen entwickeln – auch mit Blick auf die Kommerzialisierung von Gesellschaft und Kultur, die die eingeschränkte und ichbezogene Wahrnehmung fördert.

Der Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure Baden-Württemberg will die Wechselbeziehung zwischen Bauen und menschlichem Dasein aufzeigen. Begriffe wie Heimat, Zufriedenheit in der Arbeitswelt, soziale und kulturelle Identifikation und Wohlbefinden stehen für diese Wechselbeziehung. Vor diesem Hintergrund begreifen sich ganzheitlich orientierte Bauexperten als Teil des Ganzen. Das macht sie unverzichtbar.


Respekt vor dem Gebauten
Bausubstanz muss mit modernen Gestaltungsmitteln
erhalten werden.
Der Bauwillen vergangener Zeiten hat uns Bauwerke hinterlassen, die als Ganzes unseren Respekt verdienen, auch wenn sie von unterschiedlicher Qualität und Bedeutung sind. Wir sind verpflichtet, besondere Bauwerke als wertvolle Bausubstanz zu erhalten, als Zeugen interessanter Architektur oder hoher Ingenieurbaukunst.

Leitbild Bauen
Bauen ist die Querschnittsaufgabe einer
kulturell verpflichteten Gesellschaft.
Bauen ist Teil einer gesellschaftlichen Gesamtheit und nur im Kontext regionaler Kultur zu verstehen. Geografie, Klima und naturräumliche Gegebenheiten ließen Lebensgewohnheiten entstehen. Aus ihnen sind Baugewohnheiten geworden, die sich über die Zeiten hinweg zu Baustilen – wichtigen und wertvollen Komponenten kultureller Epochen – entwickelt haben. Globale Tendenzen und Trends überdecken diese prägenden Urelemente des Bauens. Der ganzheitlich denkende und agierende Baumeister versteht Bauen als Querschnittsaufgabe einer kulturell verpflichteten Gesellschaft. So verhindert er, dass das Bauwerk reiner Selbstzweck oder gar Fremdkörper in seinem kulturellen Umfeld wird.

Integration der Disziplinen:
Fundierte Planungskultur bezieht
alle Planungsdisziplinen ein.
Das einzelne Bauwerk kann im Kontext von Baukultur nicht als Summe der Einzelergebnisse verschiedener Gewerke betrachtet werden. Es ist nicht nur ökonomisch, alle Planungs- und Umsetzungsschritte in ihrer Gesamtheit, in ihrem Ineinandergreifen zu verstehen. Solches Vorgehen setzt auch Kreativität und Verantwortung frei. Eine fundierte Planungskultur – vom Baumeister verkörpert – bezieht von der ersten Minute an alle Planungsdisziplinen ein.

Leitbild Architektur
Zur Architektur gehört mehr
als das Gestalten spektakulärer Objekte.
Wenn wir Bauen als kulturell verankertes Handeln betrachten, muss Architektur mehr sein als das Erschaffen besonders spektakulärer Objekte. Superlative sollten hinsichtlich der Bauqualität und nicht primär mit Blick auf Masse und Menge angestrebt werden.
Architektonisch gestaltete Bauwerke sollten als eine zentrale Vorgabe der soziokulturellen Einbindung Rechnung tragen.
Der Entstehungsprozess eines Bauwerks muss die Besonderheiten der Region berücksichtigen, muss ökonomische und ökologische Aspekte, insbesondere in ihrer Nachhaltigkeit, einbeziehen und flexible Nutzung gewährleisten.

Leitbild Ingenieurbaukunst
Baukunst ist unteilbar.
Bauingenieure tragen in Gemeinschaft mit den Architekten zusammen mit den Ingenieuren der Geodäsie, der Energetik, der Elektrotechnik, der Bauphysik und zahlreicher anderer Fachgebiete in den Planungsteams die Verantwortung, dass ein Bauwerk seine Funktion erfüllt, die Unversehrtheit der Nutzer garantiert und die Gebrauchstauglichkeit dauerhaft gewährleistet ist.
In dieser Aufgabenerfüllung sind sie in besonderer Weise Baumeister mit herausragenden Funktionen. Die Einführung des Projektmanagements als eigener Aufgabenbereich macht deutlich, dass – vor allem bei komplexen Bauwerken – das Ganzheitliche bei Planung und Bau von hoher Bedeutung ist.
Deshalb und gerade mit Blick auf die zahlreichen am Bau beteiligten Ingenieurdisziplinen bekommt die Maxime „Baukunst ist unteilbar“ ihre besondere Bedeutung. Sie gilt für jede Art des Bauens.

Aufruf zur Nachhaltigkeit
Ein Bauwerk muss ökonomischen, ökologischen
und gesellschaftlichen Aspekten gerecht werden.
Nachhaltigkeit im Bauwesen heißt: Ein Bauwerk muss den ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlich-sozialen Anforderungen gleichermaßen gerecht werden.
Nachhaltiges Bauen ist ethisch im ureigenen Sinne!
Lassen sich die am Bau Beteiligten von diesen Gedanken leiten, kommen sie nicht umhin, ihr Bauwerk ganzheitlich anzugehen.
In der kontinuierlichen Evaluierung haben sich Bauherr, Planer, Ausführende und Betreiber der Verantwortung zu stellen, die mit dem Nachhaltigkeitsbegriff verbunden ist.

Forderung Nummer eins: Umdenken
Der erste Schritt ist die Wahrnehmung
von Verantwortung.
Wir, die wir mit dem Bauwesen verbunden sind, müssen umdenken. Jeder an seinem Platz. Der erste Schritt ist die Wahrnehmung von Verantwortung. Bei aller Pflicht Gesetze und Normen einzuhalten, gilt auch die Pflicht, Bauschaffen als verantwortungsvolles kulturelles Schaffen zu erkennen. Baukultur muss als regionale Baukultur begriffen werden. Dies bezieht sich auf den Naturraum, das bereits Bebaute und dessen Einbindung in nationale und internationale Verflechtungen, aber auch auf die Vermeidung von Zersiedelung, das Bewahren und die Nutzung von Bausubstanz, den Schutz von Natur und Umwelt.

Forderung Nummer zwei: Änderung der Ausbildungspolitik
Bildung und Ausbildung müssen
universeller angelegt sein.
Bildung und Ausbildung in den Bauberufen müssen universeller angelegt sein. Das gilt für die Ausbildung von Architekten und Ingenieuren und alle anderen baubezogenen Berufe. Lehre und Forschung müssen mehr als bisher auf „Lernen lernen“ angelegt werden.
Dies erfordert qualifiziertes Lehrpersonal und gute Ausbildungsstätten. Dabei sollten die Hochschulen auch die Aufgabe wahrnehmen, mit qualifizierten Fort- und Weiterbildungsangeboten das lebenslange Lernen in den Bauberufen zu fördern. Zur Universalität der Ausbildung gehört auch die Einbeziehung verwandter Wissenschaftsbereich wie etwas Bionik und Mechatronik.

Forderung Nummer drei: Ambitionierte Baupolitik
Der Einsatz öffentlicher Mittel
muss Baukultur möglich machen.
Architekten, Ingenieure und alle Bauschaffenden müssen sich mehr als bisher im politischen Umfeld zu Wort melden.
Politikerinnen und Politiker sollten Bauen als kulturelles Phänomen begreifen.
Es gibt eine Vorbildfunktion bei öffentlichen Baumaßnahmen, gleich ob es sich um öffentliche Gebäude handelt oder um Verkehrssteuerung, Wasserbau oder Abfallwirtschaft.
Der Einsatz öffentlicher Mittel muss Baukultur möglich machen.
Das gilt auch für Baugesetze und Vergabeverfahren. Die ausschließliche Orientierung am niedrigsten Preis angebotener Planungs- und Bauleistungen sabotiert auf Dauer das Entstehen einer ganzheitlichen Baukultur.
Es gibt ein bemerkenswertes Einsparungspotenzial durch radikale Vereinfachung von Baugesetzen, Verordnungen und Normen und durch die Übertragung von Kompetenzen auf Selbstverwaltungskörperschaften.

Das Prinzip BAUMEISTER
Unsere Zukunft braucht
ganzheitliche Verantwortung im Baugeschehen.
Diese Ausführungen wenden sich nicht nur an Gesellschaft und Politik, sondern mit der Forderung nach baukulturellem Umdenken auch an uns selbst, die wir für den Berufsstand Verantwortung tragen. Wir schlagen daher vor, dem Bild eines ganzheitlich Verantwortlichen im Baugeschehen einen Namen zu geben: BAUMEISTER. Er ist
• der ganzheitlich ausgebildete Architekt
• der ganzheitlich ausgebildete Ingenieur
• der ganzheitlich ausgebildete Handwerker in seiner Disziplin.
Nur, wer eine entsprechende – anspruchsvoll vermittelte – Qualifikation erworben hat, soll sich Baumeister nennen dürfen.

Ausblick
Mit dem Baumeister wird eine neue Baukultur Realität.
Der Bund Deutscher Baumeister Baden-Württemberg will alles daran setzen, dem mit dieser Erklärung definierten Baumeister eine zentrale Bedeutung für künftiges Bauen zukommen zu lassen. Wir erwarten neue Impulse für das Bauen und eine neue Qualität des Bauens.
Wir verbinden damit die starken Hoffnung, dass diese Erklärung auch einen Impuls für mehr gesellschaftliches und politisches Engagement aller Bauschaffenden gibt.

Die Stuttgarter Baumeister-Erklärung wurde am 8. Oktober 2010 von der Mitgliederversammlung des Bundes Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure Baden-Württemberg e.V. in Stuttgart verabschiedet und im anschließenden Festakt zum 150-jährigen Bestehen des BDB-BW feierlich proklamiert.

Stuttgart, 8. Oktober 2010

Bund Deutscher Baumeister
Architekten und Ingenieure Baden-Württemberg e.V.
Helmut Zenker, Präsident



Präsident

Dipl.-Ing. Helmut Zenker
Frankenstraße 17
79211 Denzlingen
Tel.: 07666 / 9129227
Fax: 07666 / 913780
E-Mail: Helmut Zenker

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Präsidiumsmitglieder

Vizepräsident
Ständiger Vertreter des Präsidenten
Vorsitzender des BDB-Bildungswerkes,
Landesverband B-W
Ingo Grimm
Tannenbergstraße 81, 70374 Stuttgart
E-Mail: Ingo Grimm

Vizepräsident
Stellvertreter des Vorsitzenden des BDB-Bildungswerkes,
Landesverband B-W
Jürgen Trenkle
Daimlerstraße 37, 76185 Karlsruhe
E-Mail: Jürgen Trenkle

Vizepräsident
Architektenkammer Ba-Wü
Landesverband der freien Berufe - LfB
Ingenieurblatt BW
Dr. Wolfgang Naumer
Rathenaustrasse 4, 68165 Mannheim
E-Mail: Dr. Wolfgang Naumer

Vizepräsident
Ingenieurkammer BW
VBI
Jochen Piontek
Pforzheimer Straße 55, 76275 Ettlingen
E-Mail: Jochen Piontek

Vizepräsident
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, EDV, Internet
Dieter Baral
Aulberstraße 25, 72764 Reutlingen
E-Mail: Dieter Baral

Schatzmeister
Haushalt und Finanzen
BDB B-W
Kurt Horn
Mathias-Hess-Straße 26, 69190 Walldorf
E-Mail: Kurt Horn

Schatzmeister
Haushalt und Finanzen
BDB-Bildungswerk B-W
Manfred Frank
Spessartweg 3, 70794 Filderstadt
E-Mail: Manfred Frank